Stressbewältigung oder Stressreduktion?

Die meisten Behandlungsangebote bei Stress und Burnout zielen auf eine Verbesserung der Stressbewältigung. Hierzu werden fast ausnahmslos verhaltenstherapeutische Behandlungstechniken wie Stressmanagement, Achtsamkeit, Zeitmanagement, kognitive Therapie oder Problem-/Emotionsregulierendes Coping eingesetzt. Auch im Coaching wird üblicherweise mit diesen Techniken und Zielsetzungen gearbeitet wenn diese oft auch anders genannt werden. Letztlich wird bei all diesen Angeboten meist unausgesprochen davon ausgegangen, dass sich die äußere Belastung ohnehin nicht reduzieren lässt und deshalb die Veränderung bei der gestressten Person zu erfolgen hat. Dieses stark individualisierte Stressverständnis entspricht dem heutigen gesellschaftlichen Mainstream, ist so aber keineswegs selbstverständlich. So betrachtete der bekannte Stressforscher Lennart Levi Stress in den 70er Jahren als ein Mismatch zwischen der Person und deren Umwelt und versuchte möglichst an der beruflichen und privaten Umwelt anzusetzen um die Stressbelastung für das Individuum zu reduzieren. Heute wird hingegen der Arbeitsstress als gegeben hingenommen und der Umgang damit – selbst bei den unmöglichsten Arbeitsbedingungen – an den Betroffenen „delegiert“. In der Stressbewältigung geht es – schon allein dem Wort nach – nicht darum die Überlastungssituation zu beenden, sondern mit der vorhandenen Belastung bzw. Überlastung anders umzugehen. Meine therapeutische Zielsetzung ist es hingegen nicht nur eine vorhandene Überlastungssituation besser zu bewältigen, sondern die Überlastungssituation tatsächlich zu beenden oder zumindest zur Ausnahme zu machen. Das ist ein entscheidender qualitativer Unterschied in der Zielsetzung mit erheblichen Auswirkungen auf die Nachhaltigkeit des Behandlungserfolgs.

Beispiel:

Ein Fließbandarbeiter kommt zunehmend unter Stress da er ohnehin schon schnell arbeitet, das Fließband von Tag zu Tag aber schneller gestellt wird, ihm hierdurch zunehmend Fehler unterlaufen, er sich hierdurch schlecht fühlt, nicht mehr gerne zur Arbeit geht, über die Möglichkeit eines anderen Jobs nachgrübelt und sich auch darum sorgt, dass die Fehler auffallen und er zur Rechenschaft gezogen werden könnte.

Stressbewältigung

Die üblichen Angebote zur Stressbewältigung würden jetzt an dem Arbeiter ansetzen. Er könnte die Situation so akzeptieren wie sie ist und diese nicht bewerten, er könnte die Situation nicht als Ärgernis sondern als Herausforderung begreifen, sich zwischen den Arbeitsphasen entspannen, mit Fehlern leben lernen, die Fehler an sich selbst akzeptieren, die Ansprüche an die eigene Person senken, nicht mehr grübeln und als Ausgleich für den frustrierenden Beruf Zufriedenheitserlebnisse im Privatleben suchen. Das mag im Fall des beschriebenen Fließbandarbeiters fast schon zynisch klingen, dennoch arbeiten – bei genauerer Betrachtung – fast alle Angebote zur Stressbewältigung in diesem Modus. Letztlich geht es in der Stressbewältigung um eine Anpassung an offensichtlich als unveränderbar vorausgesetzte Umweltbedingungen. Wenn man noch den Hintergrund bedenkt, dass aufgrund gesellschaftlichen Rahmenbedingungen „das Fließband“ mit der Zeit immer schneller laufen muss, dann zeigt sich an dem Beispiel auch wie systemimmanente, strukturelle Missstände „wegindividualisiert“ werden können (Andreas Hillert, Miachel Marwitz: Die Burnout-Epidemie. München, 2006, S.251 und Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Frankfurt am Main 1986, S. 149).

Video von Prof. Hartmut Rosa: Achtsamkeit und Selbstbezogenheit – Kritischer Blick auf einen Trend. Vortrag vom 27.10.2016 (Direkter Bezug auf Achtsamkeit ab der 40. Minute)

Stressreduktion

Die Stressreduktion hat hingegen das Ziel, vorhandenen Stress nicht nur besser zu bewältigen, sondern tatsächlich abzubauen. Dabei entsteht Stress aber tatsächlich nicht nur durch die äußeren Ereignisse, sondern auch durch die innere Bewertung. Deshalb gehört natürlich auch die Verbesserung der Stressbewältigung zu einer erfolgreichen Stressreduktion. Eine erfolgreiche Stressreduktion geht aber deutlich darüber hinaus. Stress entsteht durch eine Fehlpassung zwischen dem Individuum und seiner Umgebung. Diese Fehlpassung kann – wie in dem obigen Beispiel – nur die Quantität im Sinne der Arbeitsmenge betreffen, sie kann aber auch die Qualität der Arbeit oder die gesamten Rahmenbedingungen betreffen. Man spricht hier auch von „Person-Environment-Misfit“.

„Man kann sich einen Person-Environment-Misfit wie ein schlecht sitzendes Kleidungsstück vorstellen, das einerseits spannt und kneift, andererseits sensible Körperpartien ungeschützt lässt.“ (Matthias Burisch: Das Burnout-Syndrom. 5. Auflage. Heidelberg 2014, S. 94.)

Ziel einer erfolgreichen Stressreduktion ist deshalb die Passung zwischen Person und Umwelt zu verbessern wodurch die Stressbelastung sinkt. Im besten Fall entsteht hierdurch ein „Maßanzug“.

Beispiel:

In dem Beispiel des Arbeiters könnte also sowohl der Stress durch den Arbeiter besser bewältigt werden als auch die Geschwindigkeit des Fließbandes reduziert werden. Dabei ist die Macht des Arbeiters über die Geschwindigkeit des Fließbandes mit den richtigen strategischen Kniffen möglicherweise deutlich höher als er denkt. Falls dies tatsächlich nicht geht, könnte der Arbeiter auch über einen Arbeitsplatzwechsel nachdenken. Dabei würde es aber nicht darum gehen nur gedanklich um das Problem zu kreisen, sondern tatsächlich das Problem zu lösen. Ziel wäre es letztlich – auf welchem Weg auch immer – die Passung zwischen dem Fließbandarbeiter und seinem Arbeitsplatz zu verbessern und so den Stress nachhaltig zu reduzieren. Das Mismatch kann natürlich genauso im privaten Bereich sein oder private und berufliche Passungsschwierigkeiten können miteinander in Wechselwirkung stehen.

Natürlich hat ein Fließbandarbeiter üblicherweise weniger Handlungsmacht über seine Arbeitsbedingungen und auch weniger Handlungsoptionen als eine Führungskraft oder ein selbstständiger Unternehmer. Interessanterweise setzen die Programme zur Stressbewältigung aber auch bei Unternehmern, hohen Führungskräften und Selbstständigen regelhaft an der Stressbewältigung und nicht an der Stressreduktion an.

Das Modell der Passungsverbesserung zur Stressreduktion setzt letztlich deutlich umfassender an der Stressbelastung an als die üblichen Angebote zur Verbesserung der Stressbewältigung. Dabei sind sämtliche  Maßnahmen zur Verbesserung der Stressbewältigung auch Teil einer erfolgreichen Stressreduktion.

Stressreaktion

Die Stressreaktion entsteht im Gehirn und wird durch die innere Bewertung äußerer Reize ausgelöst. Im Falle einer Aktivierung wird der Organismus „bis zur letzten Zelle“ über das Nerven- und Hormonsystem in einen Alarmzustand versetzt. Die individuelle Form und das Ausmaß der Stressreaktion lässt sich mit den heute zur Verfügung stehenden Techniken zuverlässig messen.

Was versteht man unter einer „Stressreaktion“?

Die sog. Stressreaktion wurde vom Begründer der Stresskonzepts Prof. Hans Selye erforscht und erstmals beschrieben. Selye setzte Versuchstiere unterschiedlichen Extrembelastungen aus. Bei den Belastungen handelte es sich um Reize wie Infektion, Vergiftung, Trauma, nervöse Beanspruchung, Hitze, Kälte, Muskelanstrengung oder Röntgenstrahlung. Selye beobachtete eine unabhängig von der Art des Reizes immer gleich ablaufende körperliche Reaktion und bezeichnete diese unspezifische Reaktion auf Stress 1952 als „General Adaption Syndrome“.

Die körperliche Stressreaktion verläuft nach Selye in folgenden drei Phasen:

  1. Alarmreaktion (alarm reaction)
    Sympathische Aktivierung, erhöhte Konzentration von Adrenalin und Noradrenalin, ACTH und Cortisol
  2. Widerstandsphase (stage of resistance)
    Erhöhung des Zuckerstoffwechsels, Steigerung der Empfindlichkeit der Gefäßmuskulatur für Adrenalin und Noradrenalin, Dämpfung von Schilddrüsen- und Sexualfunktion
  3. Erschöpfungsphase (stage of exhaustion)
    Zusammenbruch von Reproduktions- und Wachstumsfunktionen sowie der Infektionsabwehr, nur noch kurzzeitige Energiemobilisierung möglich, Vergrößerung der Nebenniere, Schrumpfung der Thymusdrüsen, Bildung von Magengeschwüren

Selye weist darauf hin, dass nur bei chronischen Belastungen alle drei Phasen durchlaufen werden, während die typischen Alltagsbelastungen meist nur die Alarmreaktion oder die Alarmreaktion und die Widerstandsphase auslösen.

Seit der Erstbeschreibung der Stressreaktion von Selye in den 50er Jahren wurde die Pathophysiologie der Stressreaktion immer weiter erforscht. So wurden die Untersuchungen von Selye vorwiegend an Versuchstieren durchgeführt und die Befunde sind aus heutiger Sicht relativ grob. Mit den heute zur Verfügung stehenden Untersuchungstechniken lässt sich die Stressreaktion deutlich differenzierter messen.

Stress entsteht im Gehirn

Der Einfluss von Stress auf körperliche und psychische Prozesse ist erheblich. Dabei entsteht Stress im Gehirn. Wenn die vorhandenen Bewältigungsmechanismen subjektiv nicht der anstehenden Herausforderung entspricht entsteht Stress. So kann ein und derselbe Reiz für die eine Person eine angenehme Herausforderung darstellen und für eine andere Person eine Bedrohung. So würde ein fremdsprachiger Vortrag vor einem Fachpublikum bei vielen Menschen Angst und damit Stress auslösen. Es gibt aber Menschen für die ein derartiger Vortrag keine relevante Belastung darstellt, dafür kraust es diesen Menschen möglicherweise vor dem abendlichen Gespräch mit der Ehefrau. Ein Gespräch mit der Ehefrau würde für einen anderen Menschen aber wiederum keine relevante Belastung darstellen. Stress ist also individuell.

Stress ist ein Ganzkörperphänomen

Unabhängig davon wie der Stress im Gehirn entsteht, führt Stress auf körperlicher Ebene zu verschiedensten Veränderungen. Letztlich ist Stress ein Ganzkörperphänomen von welchem die verschiedensten körperlichen und psychischen Prozesse beeinflusst werden. Auf psychischer Ebene führt Stress zu typischen Symptomen und Verhaltensänderungen. Auf körperlicher Ebene beeinflusst Stress vorwiegend das Hormonsystem, das vegetative Nervensystem und das Immunsystem. Über die Beeinflussung der verschiedenen Systeme führt Stress zu den unterschiedlichsten körperlichen und psychischen Symptomen. Oft wird der Zusammenhang zu Stress übersehen und es erfolgt gar keine oder nur eine symptomatische Behandlung. Unbehandelter Stress kann auf Dauer zu verschiedenen körperlichen und psychischen Erkrankungen führen. Auf körperlicher Ebene führt Stress bei entsprechender Anlage oft zu Magengeschwüren, Bluthochdruck und Zuckerkrankheit. Auf psychischer Ebene kann Stress zu einem Erschöpfungszustand und bei entsprechender Anlage zu einer Depression oder einer Angsterkrankung führen.

Auswirkungen von Stress auf Psyche und Verhalten

Es kommt zu Vergesslichkeit und Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, eingeschränkte Leistungsfähigkeit und Kreativität, nervösem unruhiges Verhalten, hastigem Sprechen und Essen, Ruhelosigkeit, Entscheidungsschwierigkeiten, Kommunikationsschwierigkeiten, Multitasking, Aktivismus, mangelnder Planung, Unordnung, Schwierigkeiten im Zeitmanagement, „nicht fertig werden“, Arbeit mit nach Hause nehmen, Ineffizienz, Nicht-Abschalten-Können, Verzicht auf Urlaub, Reduktion der Freizeit, Vernachlässigung von Partnerschaft und Familie, Verzicht auf Bewegung, unkontrolliertem Essen und Rauchen, vermehrtem Alkoholkonsum, übermäßigem Kaffeegenuss, Einnahme von Schmerztabletten, Beruhigungsmitteln, Schlafmitteln und Aufputschmitteln, ständiger Sorge und „Zukunftsdenken“, sich gehetzt und unter Druck fühlen, Gedankenkreisen und Grübeln, nächtlichem Denken an berufliche Inhalte, Denkblockade („black out“), innerer Leere, Angst, Erschöpfung, innerer Unruhe und Anspannung, Reizbarkeit und Aggression, Stimmungsschwankungen, Unzufriedenheit und gedrückter Stimmung.

Auswirkungen von Stress auf das vegetative Nervensystem

Das vegetative Nervensystem durchzieht den ganzen Körper und beeinflusst verschiedene Organe wie das Herz, den Darm und die Haut. Das vegetative Nervensystem ist durch den Willen nicht beeinflussbar und heißt deshalb auch „autonomes Nervensystem“. Das vegetative Nervensystem besteht aus zwei Komponenten welche gleichzeitig aktiv sind. Ein Teil (der sog. Sympathikus) sorgt für Anspannung, der andere Teil (Parasympathikus) für Entspannung. Stress führt zu Anspannung und bei dauerhafter Anspannung „kippt“ das vegetative Nervensystem hierdurch in einen Modus der Überaktivierung des Sympathikus. Hierdurch kommt es zu Herzrasen, Blutdruckanstieg, beschleunigte Atmung, gereizten Magen oder Durchfall. Auf psychischer Ebene geht ein derartiger Erregungszustand mit einer Fokussierung der Aufmerksamkeit, einer erhöhten Reizbarkeit und Wachheit einher. Dies ist die Vorbereitung für einen bevorstehenden Kampf oder eine Flucht. Diese übermäßige Aktivierung ist für Körper und Psyche nur kurzfristig ohne Schaden. Auf Dauer führt die Überaktivierung zu verschiedensten körperlichen und psychischen Symptomen und Erkrankungen. In der Evolution war eine Stresssituation aber üblicherweise nur vorübergehend und hierdurch auch nicht schädlich. Heute halten Stresssituationen oft an. So kann sich eine Arbeitsplatzbelastung oder ein Beziehungskonflikt jeden Tag wiederholen. Früher konnten Ärzte auf die Aktivierung des vegetativen Nervensystems nur anhand der Symptome schließen. Seit wenigen Jahren ist es mit Hilfe der Bestimmung der Herzschlagvariabilität möglich den Aktivierungsgrad des vegetativen Nervensystems direkt zu messen. Das Verfahren ist jedoch technisch durchaus anspruchsvoll. Messung per App oder mit einfachen Brustgurten sind nicht aussagefähig. Die Ableitung muss immer mit mehreren Elektroden erfolgen da nur ein einzelner falsch gemessener Herzschlag (Artefakt) das Ergebnis um 450 % verändert. In meiner Praxis messe ich die Herzschlagvariabilität über 5 Minuten mit einem hochwertigen Gerät welches auch in der Forschung verwendet wird. Anschließend werden die Daten mit hochwertiger Software verarbeitet wodurch sich der Aktivierungsgrad des vegetativen Nervensystems sicher bestimmen lässt. In bestimmten Fällen empfehle ich auch eine Messung der Herzschlagvariabilität über Nacht.

Auswirkungen von Stress auf das Hormonsystem

Stress hat erhebliche Auswirkungen auf das Hormonsystem. Über einen komplexen Regelmechanismus des Gehirns führt Stress zu einer Ausschüttung von Cortisol aus der Nebennierenrinde. Unter hoher Stressbelastung kommt es zunächst zu einer vermehrten Freisetzung von Cortisol aus der Nebennierenrinde. Cortisol führt als Hormon zu zahlreichen körperlichen und psychischen Veränderungen wie Gewichtszunahme, Anstieg des Blutzuckers, Schlafstörungen und Reizbarkeit. Bei längerer Erhöhung von Cortisol kann es zu einer eingeschränkten Empfindlichkeit der Cortisol-Rezeptoren im ganzen Körper kommen. Zudem ist es möglich, dass die Nebennierenrinden nur eingeschränkt Cortisol produzieren. Dies nennt man Nebenniereninsuffizienz oder Morbus Addison. Die Nebenniereninsuffizienz kommt jedoch äußerst selten vor und ein Zusammenhang mit übermäßiger Stressbelastung wird in der Literatur nicht beschrieben. Das von Alternativmedizinern oft propagierte und mit fraglichen Methoden laborchemisch nachgewiesene Konzept der „adrenal fatigue“ ist deshalb beim heutigen Stand des Wissens nicht zielführend. Die Störungen der sog. HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse) sind deutlich komplexer. Es handelt sich in der Regel nicht einfach um eine „Schwäche der Nebennierenrinde“, sondern um eine komplexe Störung des hormonellen Regelkreises. Für eine Messung des Regelkreises muss am Vorabend eine kleine Dosis Cortison eingenommen und am nächsten Morgen die Cortisol-Aufwachreaktion gemessen werden (Dexamethason-Hemmtest). Insgesamt ist die Messung von Dysfunktionen der HPA-Achse mit heutigen Methoden zwar möglich aber durchaus aufwendig. Die meisten mir vorgelegten Laborbefunde sind Einzelmesswerte welche mit fraglichen Normbereichen. Für eine belastbare Messung müssen mindestens 6 Messungen pro Tag über zwei Tage durchgeführt werden. Die Ergebnisse sind dann auf qualitativ hochwertige Normwerte zu beziehen (Cortisol-Tagesprofil). Die Messung von Cortisol ist aufgrund der eingeschränkten Aussagekraft jedoch nur in Ausnahmefällen empfehlenswert. So empfehle ich die Messung von Cortisol meist nur bei diagnostisch unklaren Erschöpfungszuständen („chronic fatigue syndrome“). Neben der HPA-Achse beeinflusst Stress auch Wachstums- und Geschlechtshormone. So sinkt bei Affen im Tierversuch bei zunehmendem Stress durch zu hohe Dichte im Käfig das Testosteron mit resultierender Einschränkung der Fruchtbarkeit. Dies ist evolutionär ja für die Gruppe auch sinnvoll da bei zu hoher Populationsdichte zusätzliche Nachkommen für Knappheit und zusätzlichen Stress sorgen würden. Bei Frauen verschiebt oder verändert sich bei Stress oft die Regelblutung. Bei extremer Stressbelastung kann die Regelblutung auch ganz ausbleiben. Auch bei der Frau sinkt unter Stress die Fruchtbarkeit. Auch die Veränderungen der Geschlechtshormone lassen sich mit heutigen Methoden messen. Meist lässt sich aber auch ohne Messung aus den Symptomen auf die hormonellen Veränderungen schließen.

Auswirkungen von Stress auf das Immunsystem

Die Auswirkungen von Stress auf das Immunsystem sind erheblich. Nicht umsonst setzt man das Stresshormon Cortisol in Form von Cortison medizinisch zur Unterdrückung des Immunsystems ein. Die Zusammenhänge zwischen Stress und Immunsystem wurden Jahrzehnte von der Medizin gar nicht gesehen. Erst in den letzten 10 Jahren hat sich hier ein erhebliches Wissen angesammelt und sich das neue Spezialgebiet der Psychoneuroimmunologie entwickelt. Unter Berücksichtigung der heutigen Forschungsergebnisse sind Nervensystem und Immunsystem eigentlich gar nicht voneinander zu trennen. Das Immunsystem reagiert bei psychischen Veränderungen unmittelbar mit. So untererdrückt das Immunsystem unter Belastung üblicherweise die Immunantwort auf Krankheitserreger wie Viren und Bakterien. Es ist ja auch nicht sinnvoll unter Fieber und Krankheitsgefühl zu leiden während man mit einem Säbelzahntiger kämpft. Die Immunantwort kommt erst nach Ende der Stressbelastung in der Phase der Erholung. So wundern sich zahlreiche Patienten, dass sie nicht während der Stressbelastung, sondern erst im anschließenden Urlaub krank wurden. Dauerhafter Stress kann aber noch deutlich bedrohlichere Folgen haben als Infektionskrankheiten in Phasen der Erholung. Auf Dauer kann Stress zu einer übermäßigen Immunantwort oder einer fehlerhaften Immunantwort führen. So kann Stress bei entsprechender Anlage zu Autoimmunkrankheiten, Allergien und Krebserkrankungen führen. Diese Zusammenhänge sind vielen genau beobachtenden Ärzten seit Jahrzehnten und Jahrhunderten bekannt. Die Psychoneuroimmunologie entschlüsselt nun aber den dahinterstehenden Mechanismus. Als Allergologe und Facharzt für Psychosomatische Medizin bestimme ich bei entsprechenden Fragestellungen auch bestimmte Immunparameter um die Funktionsfähigkeit des Immunsystems und die daraus entstehenden gesundheitlichen Risiken besser einschätzen zu können.

Lässt sich die Stressreaktion „bremsen“?

Dies ist eine häufige Frage. Bereits eingetretene körperliche Erkrankungen wie ein manifester Bluthochdruck oder eine Zuckerkrankheit lassen sich oft nicht mehr im Sinne einer Heilung beeinflussen. Hier besteht die Zielsetzung das Fortschreiten der Erkrankung und das Auftreten von anderen Erkrankungen zu verhindern. Auch bei Allergien und Autoimmunerkrankungen gibt es nicht wirklich „einen Rückwärtsgang“. Symptome wie Herzrasen, Atemnot, Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen bilden sich jedoch regelhaft nach erfolgreichem Stressabbau auch tatsächlich vollständig zurück. Eine Heilung ist also am ehesten möglich so lange es sich noch um Symptome und nicht um Erkrankungen handelt. Ähnlich verhält es sich mit den mit Stress in Verbindung stehenden psychischen Erkrankungen. So heilt ein durch Stress verursachter Erschöpfungszustand nach erfolgreichem Stressabbau meist folgenlos aus. Eine durch Stress ausgelöste Depression ist hingegen deutlich schwerer und langwieriger zu behandeln. Bei stressbedingten Symptomen und Erkrankungen sollte deshalb möglichst früh und möglichst ursächlich in den Krankheitsprozess eingegriffen werden.

Vom Stress zur Stresserkrankung

Dauerhafter Stress verändert den Stoffwechsel im zentralen Nervensystem und aktiviert das vegetative Nervensystem. Zudem führt Stress zur Ausschüttung von Stresshormonen. Bei einer dauerhaften Überaktivierung kann die Überaktivierung der hormonellen Stressachse (HPA-Achse) auch in eine verminderte Aktivierung umschlagen. Im Rahmen dieser stressbedingten Veränderungen kann es zu zahlreichen Symptomen kommen welche die unterschiedlichsten medizinischen Fachgebiete betreffen. Auf Dauer kann es dann auch zu bestimmten Erkrankungen kommen welche ohne die Stressbelastung nicht entstanden wären. Bei der Krankheitsentstehung ist es sinnvoll möglichst frühzeitig in den Prozess einzugreifen.

Stresserkrankungen in Neurologie und HNO-Heilkunde

Das Nervensystem reagiert besonders sensibel auf eine erhöhte Stressbelastung. Auf Dauer kann eine erhöhte Stressbelastung zu einem überlastungsbedingten Erschöpfungszustand führen welcher heute meist als „Burnout“ bezeichnet wird. Ein überlastungsbedingter Erschöpfungszustand kann als Vorstufe einer überlastungsbedingten Depression verstanden werden. Zudem führt eine anhaltend zu hohe Stressbelastung häufig zu Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Ängsten, Stimmungsschwankungen oder Reizbarkeit. Eine dauerhaft erhöhte Stressbelastung kann auch den Boden für die Entwicklung einer Panikstörung oder einer Depression bilden. Auf körperlicher Ebene kann es zu Kopfschmerzen, Migräne oder Schwindel kommen. Zudem kann es im Rahmen einer Stressbelastung zu vorübergehenden oder anhaltenden Ohrgeräuschen (Tinnitus) oder auch einem Hörverlust (Hörsturz) kommen. Durch die erhöhte Aktivierung des Nervensystems kann es auch zu Zähnepressen (Bruxismus) und Muskelverspannungen insbesondere der Schulter- und Rückenmuskulatur kommen.

Stresserkrankungen in der Kardiologie

Das Herz ist ebenfalls ein sehr sensibles Organ in Bezug auf Stress. So erscheinen fast täglich neue wissenschaftliche Erkenntnisse welche auf diese Zusammenhänge hinweisen. Eine erhöhte Stressbelastung kann erst zu Herzrasen und „Herzstolpern“ führen, später können sich daraus Herzrhythmusstörungen entwickeln. Zudem reagiert der Blutdruck empfindlich auf Stress weshalb eine dauerhaft erhöhte Stressbelastung bei entsprechender Anlage zur Entwicklung eines Bluthochdrucks führen kann.

Stresserkrankungen in der Gastroenterologie

Auch der Magen-Darm-Trakt ist durch seine vegetative Innervation ein sensibles Organ für Stress. So kann eine erhöhte Stressbelastung erst zu Magenschmerzen (Stressgastritis, Reizmagen), Sodbrennen, Übelkeit oder Erbrechen führen, später kann sich jedoch auch ein Magen- oder Dünndarmgeschwür entwickeln. Besonders empfindlich kann auch der Dickdarm auf Stress reagieren. So kann Stress zu Unterbauchschmerzen, Druck- und Völlegefühl, gestörter Defäkation und Blähungen führen. Die Fachbezeichnungen für derartige Symptome lauten Reizdarmsyndrom, chronische Dyspepsie oder Colon irritabile. Dabei sagen diese Bezeichnungen aber letztlich nichts über die Ursache aus. Neben anderen Faktoren wie Veränderungen der Darmflora spielt eine Stressbelastung bei derartigen Symptomen oft eine entscheidende Rolle. Dabei muss der Zusammenhang zwischen Stressbelastung und Symptom u.a. aufgrund der häufig auch zeitversetzten Reaktion den Betroffenen nicht bewusst sein.

Stresserkrankungen in der Orthopädie

Durch den erhöhten Muskeltonus bei Stress kommt es zu Verspannungen der Muskulatur. Je nach dem welche Muskaltur sich verspannt kann es zu Schmerzen im Bereich der Schulter, der Brust- oder der Lendenwirbelsäule kommen. Massagen, Akupunktur oder andere lokale Maßnahmen können hier auf einer symptomatischen Ebene Linderung verschaffen, letztlich setzen diese Verfahren jedoch mehr an der Folge als an der Ursache der Verspannung an.

Stresserkrankungen in der Urologie

In der Urologie sind in Bezug auf Stress hauptsächlich die Reizblase und verschiedene Formen sexueller Funktionsstörungen zu nennen. Die Blase und die Geschlechtsorgane sind ebenfalls durch das vegetativen Nervensystem reguliert weshalb es unter Stress rasch zu entsprechenden Symptomen in diesem Bereich kommen kann. Dabei ist den Betroffenen der Zusammenhang zwischen der Symptomatik und der Stressbelastung oft nicht bewusst.

Gibt es noch weitere Stresserkrankungen?

Ja, es gibt noch eine Vielzahl anderer Erkrankungen bei welchen ein Zusammenhang zu Stress nachweisbar ist. So führt Stress auch zu erheblichen Veränderungen des Immunsystems und ein fehlgesteuertes Immunsystem kann wiederum zu verschiedensten Erkrankungen führen. Zudem wirkt Stress auf das Hormonsystem womit wiederum zahlreiche Erkrankungen in Zusammenhang stehen. Die Wirkungen über das Immun- oder Hormonsystem sind aber indirekt. Bei den auf dieser Website genannten Erkrankungen habe ich mich auf die Erkrankungen beschränkt, bei denen Stress unter Vermittlung des Nervensystems direkt – also ohne Vermittlung des Immun- oder Hormonsystems – zu bestimmten Symptomen und Erkrankungen führt.

Kann man die Verursachung durch Stress auch nachweisen?

Die meisten der genannten Symptome werden über das vegetative Nervensystem vermittelt. Die Veränderungen des vegetativen Nervensystems sind mit den heute zu Verfügung stehenden Techniken auch zuverlässig messbar. Das entscheidende Verfahren zum Nachweis einer Über- oder Unteraktivierung des vegetativen Nervensystems ist die Bestimmung der Herzschlagvariabilität. Bei Erschöpfung und psychischen Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen spielen hingegen die Auswirkungen von Stress auf das Hormonsystem die entscheidendere Rolle. Hier ist insbesondere die sog. Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse (HPA-Achse) zu nennen. Auch diese Veränderungen lassen sich mit geeigneten Methoden nachweisen, der Nachweis ist jedoch wesentlich komplizierter als oft behauptet wird.

Sind für eine erfolgreiche Behandlung Messungen erforderlich?

Eine Messung der Herzschlagvariabiltät oder der hormonellen Veränderungen empfehle ich aufgrund des Aufwands und der Kosten nur bei bestimmten Fragestellungen. Im Allgemeinen kann mit entsprechender Expertise sehr gut von der Art der Symptome und deren zeitlichem Auftreten im Laufe der Biographie auf die Relevanz von Stressfaktoren geschlossen werden. In meiner Praxis versuche ich nur die Untersuchungen durchzuführen welche auch eine Konsequenz und einen Vorteil in Bezug auf den Erfolg der anschließenden Behandlung haben.

Wie gehe ich in der Praxis bei stressbedingten Erkrankungen vor?

Zunächst kläre ich durch bis zu fünf diagnostische Gespräche die Frage ob dem Faktor Stress bei der vorliegenden Erkrankung eine entscheidende Rolle zukommt. Teilweise können hierfür auch bestimmte Messungen oder die Bestimmung von Laborparametern hilfreich sein. Anschließend versuche ich Ihnen einen auf Ihre Person abgestimmten Behandlungsvorschlag zu machen. Dabei biete ich Ihnen nur eine Behandlung an, wenn ich aufgrund der vorliegenden Befunde auch davon ausgehe, dass ich Ihnen mit einer Behandlung erheblich helfen kann. Erfahrungen früherer Patienten finden Sie unter jameda.de.