Neurowissenschaften

Durch die heute zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten sind die Erkenntnisse der Neurowissenschaften in den letzten 20 Jahren exponentiell angestiegen. Als Neurowissenschaften werden Forschungsbereiche der Naturwissenschaft bezeichnet, in denen der Aufbau und die Funktionsweise des Nervensystems untersucht werden. Aufgrund der vielfältigen verwendeten Methoden wird neurowissenschaftliche Forschung von Wissenschaftlern aus vielen verschiedenen Disziplinen wie etwa der Physiologie, der Psychologie oder der Medizin betrieben. Dabei wurden durch die Neurowissenschaften zahlreiche Erkenntnisse gewonnen welche für die Psychotherapie von erheblicher und teilweise auch fundamentaler Bedeutung sind.
So war war es beispielsweise ein jahrelanger Streit zwischen den unterschiedlichen psychotherapeutischen Schulen ob eigentlich die Gedanken zu den Gefühlen oder die Gefühle zu den Gedanken führen. Diese Frage ist für die Wahl des Behandlungsansatzes tatsächlich von entscheidender Bedeutung. Anders ausgedrückt: Hat ein depressiver Mensch negative Gefühle weil er negative Gedanken hat oder hat er negative Gedanken weil er negative Gefühle hat? Dabei haben die Psychotherapeuten hierfür keine allgemein anerkannte Antwort gefunden. Die Hirnforschung hat nun aber gezeigt, dass die Gefühle zu den Gedanken führen und sozusagen „zu erst da sind“. Die Neurowissenschaften geben damit in diesem Punkt dem psychodynamischen Behandlungsansatz recht. Andererseits haben die Neurowissenschaften aber auch gezeigt, dass von einer „verstehenden“ Behandlung ohne Konfrontation mit der Angstursache keine entscheidende Wirkung in der Behandlung von Angsterkrankungen zu erwarten ist. Hier geben die Neurowissenschaften der bewährten Herangehensweise von Verhaltenstherapeuten recht. Dies sind nur zwei Beispiele für die „integrative“ Kraft der Neurowissenschaften und deren erhebliche Auswirkungen auf die Praxis der Psychotherapie.
Die Neurowissenschaften schaffen die Möglichkeit eines neuen psychotherapeutischen Behandlungsansatzes welcher den alten Schulenstreit überwindet welcher bis heute die psychotherapeutische Versorgungslandschaft prägt. Die meisten psychotherapeutischen Angebote sind entweder verhaltenstherapeutisch oder psychodynamisch. Dies kann bei bestimmten Zielsetzungen ausreichend sein, meist lassen sich jedoch mit einer Integration unterschiedlicher Verfahren bessere Behandlungsergebnisse erreichen. Bisher leben Neurowissenschaftler und Psychotherapeuten aber in „getrennten Welten“. Die erst seit wenigen Jahren entstehende Neuropsychotherapie versucht diesen Graben zu überbrücken und das Wissen der Neurowissenschaften in der Psychotherapie anwendbar zu machen.
Die neuropsychotherapeutischen Erkenntnisse lassen es teilweise auch sinnvoll erscheinen, bei bestimmten Symptomen und Erkrankungen die psychotherapeutische Behandlung durch eine gezielte medikamentöse Behandlung zu unterstützen. Dies gilt insbesondere bei schwereren Angsterkrankungen und Depressionen. Hier können durch die ergänzende Medikation deutlich bessere Behandlungserfolge erzielt werden. Dabei können die Medikamente nach dem Erreichen der Behandlungsziele wieder rasch abgesetzt werden und der Behandlungserfolg bleibt trotzdem bestehen. Die Medikamente wirken sozusagen „wie der Schotter unter den durchdrehenden Reifen“. Wenn der „Teufelskreis“ überwunden ist, muss auch nicht mehr gestreut werden. Die begleitende Medikation ist von meiner Seite aus jedoch nur ein Angebot und kein fester Behandlungsbestandteil. Die meisten psychotherapeutischen Behandlungen zeigen auch ohne begleitende Medikation sehr gute Erfolge. Von einer medikamentösen Behandlung ohne Psychotherapie rate ich jedoch aufgrund der heute vorliegenden neurowissenschaftlichen Erkenntnisse im Allgemeinen ab.