Zeitsyndrom

Giacomo Marramao beschrieb 2001 das sog. „Zeitsyndrom“. Er benannte damit das subjektive Gefühl des Zeitmangels und des Gehetztseins trotz objektiv vorhandener Zeit. Dieses Auseinanderweichen von gefühlter und vorhandener Zeit ist ein typisches Phänomen des „westlichen“ Lebensstils.

Dabei ist das Gefühl der zunehmenden Beschleunigung des Alltags keine Einbildung, sondern eine Tatsache die mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Verfahren nachgewiesen werden kann. Diese Beschleunigung der Arbeitsprozesse und des Alltags führt zu dem Gefühl der Hetze und des Zeitmangels. So kam es mit der Industrialisierung in den letzten 150 Jahren zu einer zunehmenden und nie da gewesenen Beschleunigung der Arbeitsprozesse und des Alltagslebens. Seit den 1990er Jahren hat dann noch einmal ein gewaltiger Beschleunigungsschub stattgefunden in welchem wir uns gerade befinden.

Die Zunahme des Lebenstempos zu messen ist dabei noch vergleichsweise einfach. Deutlich schwieriger ist es die Ursachen der zunehmenden Beschleunigung zu erkennen. Auch dies ist  aber zwischenzeitlich gelungen. Der zunehmenden Beschleunigung liegen verschiedene Veränderungen auf technischer, wirtschaftlicher und soziokultureller Ebene zugrunde deren Effekte sich in ihrer beschleunigenden Wirkung gegenseitig verstärken und potenzieren.

Die gesellschaftlichen Ursachen der Beschleunigung sind für den Einzelnen dabei aber nicht veränderbar. Ich möchte deshalb hier auch nicht weiter darauf eingehen und diesbezüglich auf die eindrucksvoll tiefsinnige und aufschlussreiche Habilitationsschrift von Hartmut Rosa mit dem Titel „Beschleunigung – Die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne“ (2005) verweisen.

Mein Ansatz zielt hingegen nicht auf die gesellschaftlichen, sondern auf die individuellen Ursachen des Zeitmangels welche natürlich mit den genannten gesellschaftlichen Einflüssen in einem komplexen Wechselspiel stehen.

So habe ich mich über Jahre mit den gesellschaftlichen und den individuellen Ursachen des Zeitmangels beschäftigt und daraufhin versucht, aus den heute bekannten Ursachen die passenden psychotherapeutischen Maßnahmen abzuleiten.

So kann aus Zeitmangel entstehender Stress sehr gut mit Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie reduziert werden. Hier geht es erst einmal darum belastende Umgebungseinflüsse zu kontrollieren. Anschließend versuche ich im Verfahren der psychodynamischen Psychotherapie die emotionalen Hintergründe des Gehetztseins zu ergründen und zum Positiven hin zu verändern.

Entschleunigung ist damit ein äußerst anspruchsvoller psychotherapeutischer Auftrag. Der Weg der Veränderung lohnt sich aber da zunehmende Beschleunigung zunehmendem Stress und Entfremdung führt. So kommt es zu innerer Unruhe, gedrückter Stimmung, Erschöpfung und Unzufriedenheit.

Viele Betroffene können ab einem bestimmten Zeitpunkt die Ursache für ihre Unzufriedenheit gar nicht mehr erkennen. Ein aus meiner Sicht recht passendes Bild für diesen Zustand des „rasenden Stillstands“(Paul Virilio, 1997) ist das des schnellen Reiters welcher auf seinem Pferd ganz schnell vorbei geritten kommt, ein Passant ruft ihm zu „Wo willst Du denn so schnell hin?“. Der Reiter antwortet: „Keine Ahnung – frag das Pferd!“

Beispiel für die Relevanz des gewählten psychotherapeutischen Verfahrens

Ausgangssituation

Eine junge Studentin leidet kurz vor der abschließenden Staatsexamen in Jura unter plötzlichem Herzrasen, Schwitzen, Atemnot und Engegefühl im Brustraum. Dies sind typische Symptome einer Panikstörung.

Kognitive Verhaltenstherapie

Die Patientin stellt sich bei einem Verhaltenstherapeuten vor. Nach dem Erlernen bestimmter Atemtechniken, dem Durchbrechen belastender und immer wiederkehrender Gedanken („Was mache ich wenn ich das nicht schaffe? etc.), bestimmten Entspannungsübungen, der Vermittlung von Krankheitsverständnis und einem gemeinsamen Strukturieren des Stoffs gehen im Verlauf von ca. 20 Stunden die Symptome zurück und die Studentin schafft ihre Prüfung. Mit diesem Behandlungsergebnis wäre vermutlich sowohl die Patientin als auch der Verhaltenstherapeut zufrieden. Auch die weit verbreiteten wissenschaftlichen Studien mit einer symptomorientierten Herangehensweise würden hier einen guten Therapieerfolg bestätigen.

Psychodynamische Psychotherapie

Wäre die selbe Patientin jedoch zu einem Therapeuten mit einem psychodynamischen Ausbildungshintergrund gegangen, wäre vermutlich auch ein anderer Blick auf die Symptomatik entstanden. So hätte sich in der biographischen Anamnese gezeigt, dass die Patientin bereits in der Schule sehr kreativ und künstlerisch begabt war und eigentlich Architektur studieren wollte. So hatte sie sich nach dem Abitur bei unterschiedlichen Architekten zu diesem Beruf erkundigt und erfahren, dass die Arbeitsbedingungen für Architekten und besonders für Architektinnen mit Familie recht schwierig seien. Gleichzeitig waren beide Eltern Juristen, hatten eine gut laufende Anwaltskanzlei und die Patientin war die einzige Tochter. Die Patientin berichtet, dass die Eltern es zwar nie direkt gesagt hätten, es aber dennoch klar gewesen sei, dass sie sich eine Übernahme der Kanzlei durch die Tochter erträumen würden. In ihrer Unsicherheit habe sie sich entschlossen „erst einmal“ Jura zu studieren da sie dann ja später „immer noch“ in die Architektur wechseln könne. Jetzt in das letzte Examen da und die Patientin „muss“ nun die Kanzlei übernehmen.

Der Unterschied

Aus einem psychodynamischen Verständnis ist die Dynamik recht klar: Die Symptomatik tritt an dieser Stelle auf, weil die Patientin sich innerlich dagegen wehrt die Kanzlei zu übernehmen, sich aber gleichzeitig dafür entschieden hat und sich auch verpflichtet fühlt. Mit dieser Sicht bildet nicht mehr das Symptom das Problem, sondern der dahinter stehende Konflikt. Für einen psychodynamischen Therapeuten wäre also das erfolgreiche Ablegen der Prüfung vermutlich nicht das primäre Therapieziel. Möglicherweise würde die Patientin ja ein paar Jahre nach Übernahme der Kanzlei unter einer zunehmenden Erschöpfung leiden da der Beruf einfach nicht zu den subjektiven Wünschen der Patientin passt („Mismatch“). Ziel der Behandlung wäre eine Klärung des Konflikts. Danach könnte die Patientin die Prüfung machen oder auch nicht.

Der Hintergrund

Dieser Unterschied im Zugang führte seit den 60er Jahren zu massiven Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen therapeutischen Schulen. Die Psychoanalytiker verstanden die verhaltenstherapeutische Vorgehensweise als Symptombehandlung, die Verhaltenstherapeuten warfen den Psychoanalytikern Unwissenschaftlichkeit vor.

Die Lösung: Die Zielsetzung des Betroffenen

Aus meiner Sicht ist es jedoch nicht entscheidend was der Therapeut will, sondern was der Patient will. Hierfür muss der Patient aber die Alternativen und am besten auch seinen Konflikt kennen. So sagen manche Patienten trotz Kenntnis ihres Konflikts, dass ihnen nur an der Beseitigung der Symptome gelegen ist und sie an einer Klärung unbewusster Hintergründe nicht interessiert seien. Diese Zielsetzung legt eine verhaltenstherapeutische oder auch medikamentöse Behandlung nahe. Andere Patienten sagen hingegen, dass es ihnen zwar auch um ein Abklingen der Symptome ginge, dass sie aber dennoch gerne verstehen würden warum die Symptome zu diesem Zeitpunkt aufgetreten sind und was die Symptome eigentlich bedeuten. Diese Zielsetzung legt eine psychodynamische Psychotherapie nahe.

Die Einschränkung: Das Leben ist weder schwarz noch weiß

Da es inzwischen auch Konzepte gibt welche versuchen verhaltenstherapeutische und psychodynamische Inhalte zu verbinden und da es vereinzelt auch Therapeuten gibt welche in beiden Schulen denken und handeln ist das Beispiel natürlich etwas schwarz/weiß und die Realität grau. Dennoch beschreibt das Beispiel den Kern des Problems und meiner Erfahrung bleibt die Wahl des Verfahrens oft dem Zufall überlassen. Die meisten Psychotherapeuten arbeiten entweder im Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie oder in psychodynamischen Verfahren (tiefenpsychololgisch fundierte Psychotherapie, psychoanalytische Psychotherapie). So fällt die Entscheidung für ein bestimmtes Verfahren meiner Erfahrung nach oft mit der Entscheidung für einen bestimmten Therapeuten. Die Therapeutenwahl ist wiederum oft vom Zufall abhängig und die Verfahrensfrage wurde nie aktiv gestellt.

In meiner Praxis arbeite ich klar psychodynamisch, greife aber im Bedarfsfall auch auf Techniken der Verhaltenstherapie zurück.