Neurowissenschaften und Humanics

„Alle großen Schlagwörter unserer Zeit – von der Digitalisierung über die Risiken von KI, Fake-News/Deep Fakes bis hin zur Unterminierung der Demokratie durch soziale Netzwerke, Redefreiheit – verweisen auf Forschungsfelder, zu denen die historisch ausgerichteten Geisteswissenschaften dank ihren Analysemethoden einen privilegierten Erkenntniszugang haben.

Deswegen erstaunt es nicht, dass der Unternehmensberater Christian Madsbjerg in seinem Buch „Sensemaking. The Power of the Humanities in Age of the Algorithm“ oder der führende KI-Forscher Stuart Russell aus Berkeley in seinem Buch „Human Compatible“ dazu auffordern, die Geisteswissenschaften (alias „humanities“) zu konsultieren, denn sonst tappen wir in die Falle, dass ihre Reflexionskompetenz an die falsche Adresse delegiert wird.

Der menschliche Geist lässt sich in seinen historischen, sozialen und kulturellen Codes nicht mit den Methoden des Machine Learning oder der kognitiven Neurowissenschaft entziffern. Sie begehen mit schockierender Regelmässigkeit philosophische, historische und soziologische Fehlschlüsse. Der Präsident der Notheastern University in Boston, Joseph E. Aoun, hat zu Recht dazu aufgefordert, ein Forschungsprogramm „Humanics“ aufzulegen, das die Selbsterforschung des Menschen in allen Wissenschaften vorantreibt.“

Prof. Markus Gabriel: „Doch, es braucht Geisteswissenschaften!“, NZZ vom 19.11.2019, Internationale Ausgabe, S. 18.