• Ergänzende Medikation

Eine medikamentöse Behandlung sollte – wenn überhaupt – nur ergänzend zu einer Psychotherapie durchgeführt werden.

Pro & Contra von Psychopharmaka

Pro:

  • Sehr schnelle Kontrolle der Symptome durch raschen Wirkungseintritt
  • Geringer Zeitaufwand
  • Geringe Kosten
  • Einsatz unabhängig von Orts- und Sprachbarrieren

Contra:

  • Gefahr der Chronifizierung der Erkrankung durch Unterdrückung der Symptome
  • Gefahr des Wiederauftretens der Beschwerden nach Absetzen der Medikation
  • Gefahr von Nebenwirkungen und einer Abhängigkeitsentwicklung
  • Gefahr von ungünstigen Auswirkungen auf die Psychotherapie

Psychopharmaka: Schnelle Hilfe mit relevanten Risiken

Die Symptome von Schlafstörungen, Angststörungen und Depressionen lassen sich auch medikamentös sehr gut behandeln. Ein besonderer Vorteil der Medikation gegenüber der Psychotherapie liegt in der Geschwindigkeit des Wirkungseintritts. Eine Psychotherapie wirkt meist innerhalb von Wochen bis Monaten. Mit den richtigen Medikamenten lassen sich die Symptome hingegen häufig bereits innerhalb weniger Tage bis Wochen komplett zur Abheilung bringen. Bestimmte Bedarfsmedikamente wirken sogar innerhalb von Minuten. Medikamente können damit beim richtigen Einsatz eine große und manchmal auch entscheidende Hilfe darstellen. Gleichzeitig birgt die Gabe von Medikamenten aber auch zahlreiche Risiken. Vor jeglicher medikamentösen Behandlung sollte deshalb eine sorgfältige Nutzen-/Risikoabwägung erfolgen. Dabei kann allgemein gesagt werden, dass die richtigen Medikamente eine sehr gute Wirkung haben und in ihrer Wirkung auf die Symptome sogar mit der Wirkung einer Psychotherapie vergleichbar sind. Im Gegensatz zur Psychotherapie, setzen Medikamente bei Schlafstörungen, Burnout, Angst und Depression aber nicht an der Ursache an. So kommen die Beschwerden nach Absetzen der Medikation oft rasch wieder zurück. Eine medikamentöse Behandlung ist deshalb – wenn überhaupt – nur im Rahmen einer psychotherapeutischen Behandlung sinnvoll.

Es besteht ein Abhängigkeitsrisiko

Das höchste Abhängigkeitsrisiko besteht bei der wiederholten bzw. regelmäßigen Einnahme von Benzodiazepinen (z.B. Tavor) und deren Abkömmlingen (z.B. Zopiclon). Diese werden oft als Bedarfsmedikament bei akuten Angstzuständen bzw. Schlafstörungen verordnet und haben eine ausgezeichnete Wirkung. Der Nachteil ist aber ein erhebliches Abhängigkeitsrisiko. Es gibt aber auch ein relevantes Abhängigkeitsrisiko bei Medikamenten gegen Depressionen. Dies bedeutet, dass es beim Absetzen von Antidepressiva zu Entzugssymptomen kommen kann wodurch das Medikament nicht oder nur deutlich verzögert wieder abgesetzt werden kann. Diese „Entzugssymptome“ bei Antidepressiva werden auch als „Absetzphänomene“ bezeichnet. Dabei leiden laut verschiedenen Studien über die Hälfte der Patienten beim Absetzen ihres Antidepressivums unter unerwünschten Symptomen. Von der Hälfte dieser Patienten wiederum werden die Entzugssymptome als „schwerwiegend“ eingestuft (Davies J, Read J. A systematic review into the incidence, severity and duration of antidepressant withdrawal effects: Are guidelines evidence-based? Addict Behav 2019;97:111-21.). Das Abhängigkeitsrisiko bzw. die Gefahr relevanter Absetzphänomene besteht auch bei den sehr weit verbreiteten Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (z.B. Citalopram) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (z.B. Venlafaxin).

Nebenwirkungen während der Einnahme

Psychopharmaka können zu zahlreichen Nebenwirkungen führen. Üblicherweise können diese Nebenwirkungen aber gut kontrolliert werden sofern die empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen eingehalten werden. Hierzu gehört eine hohe Sorgfalt bei der Auswahl des Medikaments unter Berücksichtigung möglicher Vorerkrankungen und die Durchführung von Laborkontrollen vor und während der medikamentösen Behandlung. Die heute zur Verfügung stehenden Psychopharmaka sind dabei zwar sehr wirksam, gleichzeitig aber eben auch keine unbedenklichen Placebos. So kann es durch die Einnahme von Antidepressiva zu Nebenwirkungen auf das Herz, die Niere, die Leber, den Stoffwechsel oder das Hormonsystem kommen. Nach Absetzen der Medikation klingen diese Nebenwirkungen aber meist wieder rasch ab.

Es gibt auch anhaltende Nebenwirkungen

Neuerdings wurden aber auch Nebenwirkungen beschrieben, welche trotz Absetzen der Medikation erhalten bleiben. So führen Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) häufig zu sexueller Lustlosigkeit oder sexuellen Funktionsstörungen. Diese Beschwerden könnten aber nicht nur während der Behandlung auftreten, sondern vereinzelt auch erst nach Absetzen der Medikation entstehen (Post-SSRI sexual dysfunction) und sehr selten auch bestehen bleiben (Bartels C et al. Am J Psychiatry 2018;175:232-41). Bei Frauen wurde in Einzelfällen auch das Auftreten einer sexuellen Dauererregung (Persistent Genital Arousal Disorder) nach Absetzen von SSRI beschrieben. Im Jahr 2019 hat nun die europäische Arzneimittelagentur (EMA) einen entsprechenden Warnhinweis erlassen. Seither muss auf die nachhaltige (!) Beeinträchtigung der Sexualität durch Citalopram, Escitalopram, Fluvoxamin, Fluoxetin, Paroxetin, Sertralin, Duloxetin, Milnacipran und (Des)Venlafaxin hingewiesen werden. Bisher waren diese Langzeitnebenwirkungen so nicht bekannt. Anhaltende Nebenwirkungen nach Absetzen der Medikation sind dabei jedoch ausgesprochen selten. Dennoch gibt es aber derartige Nebenwirkungen und dieser Punkt sollte bei der Entscheidungsfindung deshalb auch berücksichtigt werden.

Eingeschränkte Wahrnehmung von Gefühlen unter Medikation

Unter einer Medikation mit Psychopharmaka geht die Wahrnehmung von Gefühlen meist zurück. Dies ist ist in akuten Krisen ja auch ein gewünschter Effekt und man spricht hier auch von einem „Schutzschildeffekt“ der Medikation. Dieser Effekt ist aber auch bei einer langfristigen Einnahme von Antidepressiva vorhanden. So berichten Patienten unter der Einnahme von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern immer wieder, dass sie plötzlich bei traurigen oder berührenden Ereignissen nicht mehr weinen könnten. Die betroffenen Patienten wissen dabei oft gar nicht, dass dies eine bekannte Nebenwirkung ist. Bei der eingeschränkten Wahrnehmung von „negativen“ bzw. „unerwünschten“ Gefühlen könnte die Wirkung bzw. Nebenwirkung ja noch akzeptabel erscheinen. Antidepressiva können aber auch die positiven Gefühle wie Freude oder Lust reduzieren. Antidepressiva verringern sozusagen die „Amplitude der Gefühle“, weshalb gerade Serotonin-Wiederaufnahmehemmer auch erfolgreich gegen Stimmungsschwankungen eingesetzt werden können.

Zielkonflikte zwischen Medikation und Psychotherapie

Viele psychische bzw. psychosomatische Symptome und Erkrankungen lassen sich auf eine eingeschränkte Gefühlswahrnehmung zurückführen. So leiden Patienten mit Schlafstörungen oft unter ihren Schlafproblemen und können die hierfür ursächlichen Gefühle zunächst gar nicht wahrnehmen und benennen. Hier wäre es das Ziel der psychotherapeutischen Behandlung, die für die Schlafstörung ursächlichen Gefühle herauszuarbeiten um dann eine Lösung finden zu können. Hierdurch würde die Symptomatik dann ohne jegliche Medikation abklingen. Wenn nun aber die Medikation zu einer weiteren Einschränkung der Gefühlswahrnehmung führt, erschwert dies die psychotherapeutische Behandlung oder macht einen Behandlungserfolg sogar unmöglich. Dieser Effekt auf die Psychotherapie wird oft beim Ansetzen einer Medikation nicht ausreichend bedacht. Dies gilt besonders wenn – wie so häufig – ein Behandler die Psychotherapie und ein anderer Behandler die medikamentöse Behandlung durchführt.

Gefahr der Chronifizierung

Psychische und psychosomatische Symptome haben häufig Signalcharakter. Die Symptome dienen also dazu anzuzeigen, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. So sind die Symptome mit einem „Warnlämpchen“ im Auto vergleichbar. Das Lämpchen leuchtet dabei letztlich um uns zu helfen und uns dazu zu bringen, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Die medikamentöse Unterdrückung des Symptoms kann nun dazu führen, dass dieses Warnzeichen vom Betroffenen gar nicht mehr bemerkt wird und hierdurch darauf auch nicht reagiert wird. Dies ist so als ob wir im Auto das Kabel des Warnlämpchens abklemmen weil uns das Lämpchen beim Fahren stört. Dies mag in bestimmten Situationen sinnvoll sein, birgt aber eben auch die Gefahr des Übergehens des Signals und damit die Gefahr das Problem zu verschleppen.

Sinnvoller Medikamenteneinsatz

Trotz der Bedenken kann eine vorübergehende oder auch längerfristige Medikation in folgenden Situationen sinnvoll sein:

1. In akuten Krisensituationen

2. Bei schweren Schlafstörungen, Angststörungen und Depressionen

3. Bei unbedingter Erforderlichkeit der Erhaltung der Leistungsfähigkeit

Auch in diesen Fällen sollte aber die Medikation immer nur begleitend zu einer psychotherapeutischen Behandlung erfolgen. Vor jeder medikamentösen Behandlung sollten dabei die Vor- und Nachteile einer Medikation sorgfältig abgewogen werden. So gibt es auch Situationen, in denen eine symptomlindernde Medikation eine erfolgreiche psychotherapeutische Behandlung erst möglich macht. Dieser Effekt ist aber eher die Ausnahme. Im Alltag überwiegen oft die störenden Einflüsse der Medikation auf die Psychotherapie.

In der Praxis für Psychotherapie München kann die Möglichkeit einer Medikation im Rahmen der Vorgespräche oder der psychotherapeutischen Behandlung ausführlich besprochen und abgewogen werden.

Eine medikamentöse Behandlung wird in der Praxis aber nur angeboten, wenn auch die psychotherapeutische Behandlung in der Praxis erfolgt. Falls Sie eine Medikation ohne Kombination mit einer psychotherapeutische Behandlung wünschen, wenden Sie sich bitte besser gleich an einen Psychiater mit einem entsprechenden Behandlungsangebot.